Sir Tralala – Echt gute böse Lieder

Nachwuchs im Hause Sir Tralala: Es ist ein (echt gutes, böses) Album geboren

Sir Tralala Cd's und Platte

Sir Tralala Cd’s und Platte

So unser Archiv nicht trügt, sind lange 9 Jahre ins Land gezogen, ehe der Sir Tralala, auch da und dort als David Hebenstreit, kurz “Sir”,  oder schlichtweg “Meister”, etc. bekannt bzw. betitelt, nun Anfang September 2018 wieder einen neuen Longplayer unter die Leut’ bringt.

9 Jahre seit “Escaping Dystopia”, dem letzten (leicht ungeordneten, wie ich meine, trotzdem absolut hörenswerten) Opus des Sir.

Seither war der Komponistenschelm, wie er auch oft bezeichnet wird, keinesfalls untätig:
Da eine EP, dort den eigenen Albumerstling remastern, ein paar KünstlerInnen produzieren, Filmmusik machen, ab und an eine Single, Studio aufbauen und knapp nach (etwas länger dauernder) Fertigstellung umziehen, da und dort die “Geigenhure” (ironische Eigendefinition) für Branchenkollegen machen, viele Sir-Tralala-Konzerte spielen, lange bzw. langwierige Facebook-Diskussionen führen, DJ machen, Events organisieren bzw. begleiten und zwischendurch auch ein Orchesterwerk schreiben und vorläufig in die (virtuelle?) Schublade stecken.
Seit ca. 4 Jahren verfolgen wir nun schon den Sir quasi auf Schritt und Tritt, knapp an der Anzeige zum Stalking vorbei – die örtliche Nähe zum Marchfeldrand, wo der Sir nun eine standesgemäße Unterkunft bezogen hat, macht dies besonders leicht. Daher lässt sich auch frech behaupten: Sir Tralala könnte dieser Tage wohl locker 2-3 Alben (mit bereits gespielten bzw. vorhandenen Songmaterial) auf den Markt werfen – die diesbezügliche Verzögerung (ob einem nicht zu leugnenden Hang zur Perfektion geschuldet) bis zu deren Veröffentlichung würde aber wohl deutlich zu lange ausfallen. Man rechne nur kurz hoch…

Echt gute böse Lieder

Sir Tralala am Woodstockenboi 2018

Sir Tralala am Woodstockenboi 2018

9 Songs hat Sir Tralala schließlich auf das neue Album (erscheint am 7.9.2018 bei monkey. und SCHALLTER in allen möglichen Formaten) pressen lassen und der schon länger vorhandene Arbeitstitel “Echt gute böse Lieder” ist geblieben.

Wiewohl es zwischenzeitlich z.B. der bei Sir-Konzerten sehr beliebte “Oaschlochwalzer” oder auch der -einst gesetzte- Landdisco-Rap “Heast Pupperl loss es Hoserl heit an, i wü nur tanzen” nicht auf den Longplayer geschafft haben: Das vorliegende Stück Musik (alle Texte Deutsch!) ist zweifelsohne ein Meilenstein der heimischen Populärmusik. Oder sollen wir eher schreiben: Der Alternativ-Underground-Musikszenerie…? Ja, trifft es wohl eher, wiewohl wir dem Album größte Popularität vergönnen und wünschen!

Das Album beginnt mit “Der uralte Wanderer” eine ruhige, Western-artige Nummer, welche Hebenstreit gleichsam wie “Zombie” (Ursprungstitel: “Heut reiß ich mir mein Herz raus und stopfs dir in dein Maul”), btw. Song Nr. 8 auf dem Album, von Jörg Vogeltanz grenzgenial für die (bereits erschienene) Download-Singleversion illustrieren hat lassen. Hieronymus Bosch lässt via Vogeltanz übrigens auch vom Albumcover grüßen, die Originale davon hätten wohl jetzt schon viele gerne, aber man kann natürlich auch den Longplayer wunderbar aufhängen bzw. rahmen.
Leicht raunzender Western-Country-Sound garniert auch “Biachl”, dem vielleicht traurigsten Song des Albums, der (textlich) schon ein wenig Bauchweh verursachen darf. Dorthin, wo selbst die Spira für die Alltagsgeschichten nicht mehr nachfragen würden, begibt sich der Sir.

“I sauf” schließt dann inhaltlich treffend an, lässt aber vielmehr den Blues sowie -vermeintlich- auch die Tschick, des Bierl, Schnapserln und des Inzersdorfer Jägergulasch hochleben. Mit Gebrauchsanweisung zum Ungustl-werden. Der Sir auf den “Tschick-Spuren” des Georg Danzer, dessen Songs bzw. Stimme (nur nebenbei erwähnt) Sir Tralala übrigens auch ziemlich perfekt drauf hat. Auf Festivals ist “I sauf” wohl dann eher eine Mitgröhlnummer…

Bluesig, aber mit deutlich mehr Tempo gibt sich dann der “Hundsblues”, wo Sir Hebenstreit erstmals kräftig “explicit lyrics” auspackt. Johnny Cash’s “Folsom Prison Blues” lässt hier ein wenig grüßen, im heimischen Dialekt ist das aber dann doch deutlich deftiger;-) Nix für die Kinderjausn.

Das Tempo wird gesteigert, die Gitarre röhrt: Bei “Schiach” wird der leichte Wahn aus der letzten Nummer in noch mehr Wut umgesetzt und der Ton verschärft sich: “…im Puff und in der Peepshow schwitzen, am Sunntag in der Kirchen sitzen…”, “…schmusen gibts ned, es wird nur gfickt, a Haserl in der Fögn (Felge) pickt…”. Alltagsarschlochbeobachtung, ausgesprochen direkt und schiach. Weltklasse I.

Weltklasse II (mein absolutes Lieblingslied und laut David auch ein typlischer Sir Tralala-Song): “Stirb langsam”. Eingebettet in mit Kinderstimme eingeungenem “Frére Chanques-Intro- und Fadeout” erklärt der Sir in monumentalen 6 Minuten schlicht und einfach den Status Quo der westlichen Welt. “Apacolypse now” – musikalisch äußerst vielschichtig garniert.  Wer den Song 1-2x hört, singt die nächsten Wochen garantiert: 1. “Ding dang dung”, 2. “Wenn du tod bist, wenn du tod bist, dann werd ich, dann werd ich, gar nix von dir erben, gar nix von dir erben”….

100 Euro Spende (egal wohin), so Ö3 dereinst zu normalen Tageszeiten “Hundsblues”, “Schiach” oder “Stirb langsam” spielt!

Der Wahnsinn gleitet dann wieder in ruhigere Fahrwasser und die “Bontempi-Nummer” (hehe) “Du liebe Sau” ist wohl einer eher unglücklichen Liebesgeschichte gewidmet, die Frau oder Mann wohl auch durchaus irgendwie schon einmal erlebt haben könnte.

Es folgt der eingangs erwähnte “Zombie” und den Schlusspunkt setzt dann gesanglich 3er-Wirtshaus-Wirt und Musiker Pepi Helm (einer der Lieblingsplätze des Sir im Marchfeld, wo es ab und an auch großartige Konzerte gibt) mit “Zwerndorf 2.0” – im vom Sir Tralala verpassend Soundkleid. Ein feiner -und wohl auch leicht irritierender- Abschluss.
Bisweilen mein “Album des Jahres”, jedenfalls ein Stück Musik, das man sich unbedingt zulegen sollte und welches durchaus auch in ein paar Jahrzehnten noch ins Licht gehalten werden könnte. Was weiß man…

Weisere und fachkundigere Worte zum neuen Sir-Album übrigens hier von Walter Gröbchen.

Ge, 27.8.2018