CD-Kritik Freischwimma Gresta Riss Brachoida

CD-Tipps – Freischwimma – Gresta Riss + Brachoida

Schuld an der Entdeckung von Freischwimma ist eindeutig der Herr Marcin Suder – der Herr, der für uns auch eine wertvolle Quelle in Sachen „blöde Fragen von Ahnungslosen zur Musikbranche“ darstellt.

Freischwimma Gresta Riss

Freischwimma Gresta Riss

Als nämlich im März gerade deren EP „Brachoida“ veröffentlicht wurde, war dies eine Empfehlung seitens deren Musikverleger Marcin – der ich aber mangels Zeit (und einem Riesenstapel noch nicht gehörter CD’s) nicht nachkam.

Im Sommer 2015 traf dann aber die Ware doch ein (Danke dafür an das Freischwimma-Label monkey.) – und landete im Auto. Ein Platz, wo man in den Sommerferien einigermaßen ruhig Musik hören kann – möchte man meinen…

Gresta Riss (2014)

„Was ist den das, bitte?“ schallte es da schon sehr bald vom Rücksitz, als die ersten Töne von „Gresta Riss“ aus den Boxen dröhnten. Im Sommer sind nämlich auf der Kurzstrecke besonders häufig Teenager von A nach B zu kutschieren und der männliche Teil beschallt sich lieber mit Dubstep, Hitparadenmusik oder KroneHit. Deutschsprachige Musik – noch dazu im kompromisslos niederösterreichischen (waldviertler) Dialekt – kommt dabei eher selten vor…

„Muss ich selber noch rausfinden“ war die ehrliche Antwort – denn die Musik der Freischwimma ist in der Tat nur sehr schwer in eine Schublade zu stecken. Und schon gar nicht nach 1x hören…

Aber das soll ja auch so sein , wie mir Sänger Florian Kargl jüngst erklärte – und dies lässt sich auch mit dem Bandnamen in Verbindung bringen, der mit dem grünen „Freischwimmerausweis“ recht wenig zu tun hat.

„Gresta Riss“ ist eine Sammlung von zwischen 2011 und 2014 entstandenen Nummern – quasi eine kleine Zusammenfassung der Startzeit von Freischwimma.

Mit „Bessa waun du gehst“ eröffnet der 2014 bei monkey. veröffentlichte Silberling „Gresta Riss“ – und man denkt (aber nur bei dieser Nummer) in Sachen Stimme, Text und Stil an einen Rainhard Fendrich, der 1981 auf der Rückseite von „Und alles is ganz anders word’n“ vielleicht seine besten Nummern versteckte (die heute kaum jemand kennt).

„Bissig – intelligent – österreichisch“ (Selbstbeschreibung auf Facebook, die durchaus entspricht) geht es auch durch die nächsten Songs: Auch „Des pock i ned“ ist eine Beziehungsnummer.

Ein wenig sentimental wird die lokale „Postkreizung“ besungen – „durt hot si’d Raika mit an Bau vaewigt“, „Rostiga Nogl“ is ein wunderschöner, aber auch skuriler Text, gespickt mit kleinen Weisheiten und alten Sprüchen, die bei Freischwimma immer wieder auftauchen.

„De Ködn“ schließt da gleich nahtlos an – und da deutet die Band auch gleich einmal ihre musikalische „Gefährlichkeit“ an. „Da hülft des ganze Hazn nix, wennt Fenster ned dicht san“, „do gfriats da oh, dei Hoffnung“, „mir is koid“ presst sich sich rasch ins Gehirn des Hörers. Rock’n’Roll!

Bei „Du und I“ wirds dann wieder deutlich ruhiger und bluesiger und ein bisserl depressiv („söbst wenn i einhatz, bleibts koid“), „Wo liegt da Hund begrom“ wäre dann wieder ein wenig der frühe und geile Fendrich in Ansätzen zu hören. Aber nur leise – denn Freischwimma sind ja schließlich Freischwimma.

Der „Reggea“ „Marina“ ging mir anfangs eher auf die Nerven – das hat aber primär mit der persönlichen Aversion gegen die zu oft gehörte Textzeile  „I wosch da mit Presto de Fiaß“ zu tun, die vor vielenvielen Jahren durch die Provinz zog.

„Johnny“ („Johnny-Cola“) ist eine Nummer, die auf Konzerten sicher allerfeinst geht und der folgende „Schweinsbrodn“ ein dem Schweinsbraten gewidmeter Blues, der leidenschaftlich intoniert wird. Kritik ist hier textlich anzusetzen: Wem interessiert schon das Zerlegen des Krauthappels – wir wollen ein ganzes Rezept, auch wenns 25 Mintuen dauert. A Wödnummer!

Meine persönliche Lieblingsnummer „Mann im Mond“ kommt auf Nummer 11: „Da Voimond schaut grod eine bei da offenen Tiar / da Grant sitzt in da Eckn, stört mei heilige Rua“ – ein Stimmungsbild in Musik gekleidet.

Zuletzt wird es bei „Unter de Kastanienbam“ noch einmal sentimental.

Eine Scheibe, die bei mir erst nach einigen Durchgängen dringlicher wurde – kaum ein anderer Longplayer hat sich mittels diversen Ohrwürmern je so stark ins Hirn eingeprägt.

Brachoida (2015)

Auf der im Frühjahr ebenfalls bei monkey. erschienen EP „Brachoida“ setzt sich das Werk von Freischwimma 1:1 fort – man möchte meinen, der Sound ist sogar noch ein wenig dichter geworden.

Freischwimma Brachoida

Freischwimma Brachoida

Brachoida, Fian Wind, Schwoaze Magie, A klans Bankal aus Hoiz und Etta haben aber das selbe Manko wie die 12 Songs von „Gresta Riss“: Sie sind für die gängigen Radioformate einfach zu gut oder wenig bis kaum passend.

Da müsste sich im Regionalradio schon ein „schwarzes Schaf“ finden, der z.B. „Fian Wind“ da und dort zwischen dem Schlagerschleim reinschummelt.

Für die wenigen heimischen Alternativradios sind dieser Sound und Dialekt wohl zu „uncool“ – und Ö3? Forget it!

Freischwimma wird aber wohl mit einger Sicherheit nicht den Radiosendern entgegenkommen – das wird wohl auch das schon bald kommende nächste Album bestätigen.

Freischwimma - ParisVienne 2015

Freischwimma – ParisVienne 2015

Live sind Freischwimmer übrigens -fast erwartungsgemäß-  ein echter Kracher (hier ein kleiner Bericht vom Festival ParisVienne 2015) und überzeugen mit druckvoller Performance sowie hervorragenden Musikern in den Reihen.

Die Livekonzerte von Freischwimma sind aber leider eher rar – am 26.11.15 ist die ganze Mannschaft aber beim „NoNaNed MundartFestival“ in der Szene Wien anzutreffen.

Befehl: Anschaun, alles kaufen! Sonst gibt’s an Brachoida, Oida!

Freischwimma Factsheet auf ArGe-Musik